USA: Eine Spaltung, die zu Wachstum führt – IKBG und KSBB zu Gast in Amerika

dr-werner-neuer(idea) Vor vier Jahren spaltete sich die Nordamerikanische Lutherische Kirche (NALC) auf einer Bekenntnissynode von der etablierten Evangelisch-Lutherischen Kirche Amerikas (ELCA) ab. Der Theologe Werner Neuer, Dozent für Dogmatik und Ethik am Theologischen Seminar St. Chrischona (Bettingen bei Basel), berichtet, was aus der Kirche geworden ist.
Eine bekennende Kirche entsteht
Im August 2010 kam es in Grove City (Ohio) zu einer denkwürdigen Versammlung bekennender evangelischer Christen: Aus Protest gegen die Entscheidung der Evangelisch-Lutherischen Kirche Amerikas (ELCA), ihren Pfarrern gleich- geschlechtliche Partnerschaften zuzugestehen und Homosexuelle zu segnen, trennten sie sich von ihrer Kirche, riefen die auf Bibel und Bekenntnis gegründete Nordamerikanische Lutherische Kirche (NALC) aus und wählten Paull Spring, der bereits Bischof der ELCA gewesen war, für ein Jahr zum Bischof ihrer Kirche. Sie verstanden ihren Beschluss nicht nur als Widerspruch zur kirchlichen Akzeptanz praktizierter Homosexualität, sondern auch als Trennung von starken schriftwidrigen Tendenzen in dogmatischer Hinsicht (z.B. in Bezug auf Christus und die Trinität), die sich schon seit Jahren in der traditionellen lutherischen Kirche verbreitet hatten. Ihre neue Kirche sollte in dogmatischer und ethischer Hinsicht eine klare
biblisch-lutherische Ausrichtung haben und sich durch Christozentrik, missionarischen Eifer, Verankerung in der altkirchlichen und reformatorischen Tradition und einen starken Gemeindebezug auszeichnen.
Eine bekennende Kirche wächst
Was ist aus diesem Wagnis der Gründung einer bekennenden Kirche geworden? Als
Vorsitzender der Theologischen Kommission der Internationalen Konferenz Bekennender
Gemeinschaften hatte ich zusammen mit dem bayerischen Pfarrer Martin Fromm
(Vorstandsmitglied der Kirchlichen Sammlung um Bibel und Bekenntnis) die Gelegenheit, auf der
Ende Juli stattfindenden Theologischen Konferenz und Synode der neuen Kirche Eindrücke zu
sammeln. Der folgende Bericht gibt einen kleinen Eindruck von dem, was wir beobachten und
durch Gespräche (u.a. mit dem ehemaligen Bischof Spring und dem jetzigen Bischof Bradosky)
vertiefen konnten: Die Nordamerikanische Lutherische Kirche ist innerhalb von vier Jahren von
anfangs sieben auf etwa 400 Gemeinden mit ca. 140.000 Mitgliedern angewachsen und befindet
sich weiterhin im Wachstum. Besonders eindrucksvoll waren die Gebetszeiten und festlichen
Gottesdienste, die den großen Reichtum der kirchlichen Liturgie mit dem reformatorischen
Liedgut und einer biblisch klaren, auf Christus ausgerichteten Verkündigung verbanden. Diese
Gottesdienste zeigten, dass in der neuen Kirche trotz ihres entschiedenen Eintretens für die
biblische Ethik (z.B. auch in Bezug auf das unantastbare Lebensrecht des Menschen)
keineswegs das Gesetz ungebührlich im Vordergrund steht, sondern die Freude des
Evangeliums und der Lobpreis des dreieinen Gottes. Die theologischen Vorträge zeichneten sich
durch eine biblische Klarheit und Weite sowie durch ein beachtliches theologisches Niveau aus.
Eindrucksvoll war die stark praktisch-evangelistische und missionarische Ausrichtung der
Versammlung und der hohe Stellenwert, den die Diskriminierung und Verfolgung der Christen
weltweit einnahmen.
Eine bekennende Kirche in ökumenischer Weite
Besonders eindrücklich ist die ökumenische Weite dieser entschieden lutherischen Kirche: Die
Nordamerikanische Lutherische Kirche hat volle Kirchengemeinschaft mit der äthiopischen
Mekane-Yesus-Kirche, die mit etwa 6 Millionen Mitgliedern eine der größten lutherischen Kirchen
der Welt ist. Sie sucht nicht nur die Gemeinschaft mit weiteren lutherischen Kirchen (z. B. der
Missouri-Synode), sondern auch z. B. mit der Anglikanischen Kirche Nordamerikas, den
Orthodoxen Kirchen und der römisch-katholischen Kirche. Auch hier ist für die neue Kirche
freilich Klarheit in der Lehre unabdingbar, um die deshalb in Lehrgesprächen ernsthaft gerungen
wird. Ihre ökumenische Weite zeigt, dass ihre Trennung von der unbiblisch gewordenen
etablierten lutherischen Kirche eigentlich nicht eine „Separation“ im Sinne der Preisgabe
kirchlicher Einheit ist, sondern eine Bewahrung der im biblischen Evangelium verankerten Einheit
der Kirche, die von der „alten“ Kirche leider aufgegeben wurde!
Eine bekennende Kirche im Lutherischen Weltbund?
Der Lutherische Weltbund hat daher nicht den geringsten Grund, die von der
Nordamerikanischen Lutherischen Kirche 2012 beantragte Mitgliedschaft abzulehnen, sofern er
beansprucht, ein wirklich biblisch-reformatorisches Luthertum zu repräsentieren. Hervorzuheben
ist, dass die von etwa 1.000 (!) Christen besuchte Synode trotz ihres ernsthaften Widerspruchs
zu einem die Kirche zutiefst bedrohenden säkularen Zeitgeist von einer fröhlichen
Geschwisterlichkeit und einer herzlichen Gastfreundschaft geprägt war. Dass das klare
Bekenntnis zu Christus und seinem Evangelium mit unverkrampfter Fröhlichkeit und einer echten
Wertschätzung konfessionell anders geprägter Christen verbunden ist, konnte man auf der
Synode der neuen Kirche glaubhaft erleben. Man kann dieser jungen, außerordentlich
dynamischen Kirche nur wünschen, dass Gott ihren keineswegs einfachen Weg der Befreiung
aus dem Zeitgeist hin zur Fülle des apostolischen Evangeliums weiterhin reichlich segnen möge.
(idea/04.08.2014)